Künstliche Intelligenz steht in vielen deutschen Unternehmen Teil auf der strategischen Agenda. Wie belastbar die organisatorischen und steuernden Rahmenbedingungen dafür sind, beleuchtet eine Studie von Red Hat. Der Open-Source-Anbieter ließ die Untersuchung vom Marktforschungsinstitut Censuswide durchführen. Befragt wurden in einer Stichprobe insgesamt 500 IT-Entscheidungsträgern aus fünf europäischen Ländern, darunter jeweils 100 aus Deutschland. Im Mittelpunkt standen Fragen der digitalen Souveränität, des KI-Einsatzes und der dazugehörigen Governance-Strukturen.
Zentrale Erkenntnisse der Studie
Die Studie macht deutlich, dass der Einsatz von KI in deutschen Unternehmen operativ fest verankert ist, während die Absicherung damit verbundener Abhängigkeiten häufig hinterherläuft. Zwar ist das Bewusstsein für Risiken vorhanden, doch fehlt es vielfach an belastbaren Vorkehrungen für den Ernstfall. Insbesondere die Fähigkeit, auf Einschränkungen oder Ausfälle zentraler KI‑Anbieter reagieren zu können, erweist sich als begrenzt. Die Einschätzungen der Befragten zeigen, dass ein Anbieterwechsel oft als potenziell geschäftskritisch wahrgenommen wird. Damit offenbart sich eine strukturelle Diskrepanz zwischen strategischen Zielsetzungen und der praktischen Handlungsfähigkeit, die den Rahmen für die vertiefte Betrachtung von Agentic AI und KI‑Souveränität bildet.
Einsatz von Agentic AI ohne entsprechende Governance
Der Begriff Agentic AI bezeichnet KI‑Systeme, die nicht nur einzelne Aufgaben unterstützen, sondern eigenständig handeln, Entscheidungen vorbereiten oder Prozesse ausführen. Solche Systeme greifen oftmals auf verschiedene Datenquellen zu und entfalten Wirkung über einzelne Anwendungsfälle hinaus. Die Studie zeigt, dass diese Form von KI in deutschen Unternehmen bereits eine relevante Rolle spielt. Organisatorisch scheint ihr Einsatz dagegen nur unzureichend abgesichert. Lediglich 30 Prozent der befragten Unternehmen geben an, über ausgereifte Governance‑Strukturen für Agentic‑AI‑Lösungen zu verfügen. Weitere 29 Prozent berichten von vorhandenen, aber lückenhaften Regelwerken, während 27 Prozent ihre Governance lediglich auf grundlegende Aspekte beschränkt sehen. Damit verfügen fast drei Viertel der Unternehmen über keine voll entwickelten Steuerungs- und Kontrollmechanismen für diese Art von KI‑Einsatz. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass 64 Prozent der Unternehmen zumindest teilweise oder umfassende Strukturen etabliert haben. Ein Umsatdn, der die relative Schwäche der Governance‑Reife in Deutschland zusätzlich unterstreicht. Die Studie macht damit deutlich, dass die organisatorische Steuerbarkeit mit der schnellen Verbreitung autonom agierender KI‑Systeme nicht Schritt hält.
KI‑Souveränität
Unter KI‑Souveränität versteht die Studie die Fähigkeit von Unternehmen, den Einsatz von KI kontrolliert zu gestalten, Abhängigkeiten zu beherrschen und im Bedarfsfall Anbieter oder Technologien wechseln zu können. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass diese Souveränität in der Praxis häufig nur eingeschränkt gegeben ist. So verfügen lediglich 57 Prozent der deutschen Unternehmen über eine definierte Exit‑Strategie für den Fall, dass ihr primärer KI‑Anbieter den Zugang zu Diensten einschränkt. Gleichzeitig erwarten 37 Prozent der Befragten, dass ein solcher Wechsel moderate bis erhebliche Auswirkungen auf ihre Geschäftskontinuität hätte. Diese Kombination weist auf strukturelle Abhängigkeiten hin, die trotz strategischer Awareness bislang nicht ausreichend abgesichert sind.
Ein weiterer Bestandteil von KI‑Souveränität ist Transparenz über Datenverarbeitung und -zugriff. Zwar geben 51 Prozent der deutschen Unternehmen an, vollständig nachvollziehen zu können, wo ihre Daten gespeichert, verarbeitet und potenziell zugänglich sind. Zugleich räumen jedoch 46 Prozent ein, keinen vollständigen Überblick zu haben; bei 3 Prozent bestehen erhebliche Transparenzlücken. Trotz dieses Spannungsfeldes erreicht Deutschland mit insgesamt 97 Prozent vollständiger oder teilweiser Transparenz allerdings einen Spitzenwert im europäischen Vergleich.
Open Source als Lösung?
Vor diesem Hintergrund messen die Befragten laut der Pressemitteilung von Red Hat Open‑Source‑Ansätzen eine zentrale Rolle bei. 69 Prozent der IT‑Entscheidungsträger sehen in Open Source einen Lösungsansatz, um Transparenz und Kontrolle beim KI‑Einsatz zu verbessern. Für die kommenden drei Jahre verbinden sie damit insbesondere Erwartungen an mehr Kontrolle über Entwicklung und Betrieb von KI‑Systemen (69 Prozent), eine bessere Anpassbarkeit an geschäftliche und regulatorische Anforderungen (68 Prozent) sowie eine erhöhte Transparenz und Prüfbarkeit (68 Prozent). Darüber hinaus sprechen sich 72 Prozent der Befragten dafür aus, dass der Gesetzgeber Open‑Source‑Prinzipien wie Transparenz, Prüfbarkeit und klare Lizenzmodelle verbindlich verankert, um KI‑Souveränität strukturell zu fördern. Die Studie ordnet Open Source damit nicht als technisches Detail ein, sondern als wesentlichen Baustein für eine kontrollierte, souveräne Nutzung von KI in Unternehmen.
Fazit
Die Studie von Red Hat zeigt ein konsistentes Bild. Der Einsatz von KI ist in deutschen Unternehmen weit fortgeschritten. Allerdings wachsen Governance, Transparenz und strategische Absicherung nicht im gleichen Maße mit. Insbesondere bei agentischen KI‑Systemen wird deutlich, dass organisatorische Steuerungsmechanismen häufig noch unzureichend sind. Gleichzeitig offenbaren die Ergebnisse im Bereich der KI‑Souveränität strukturelle Abhängigkeiten von globalen Anbietern, die im Störungs- oder Wechselfall erhebliche Auswirkungen haben können. Open‑Source‑Ansätze werden von den Befragten daher nicht als technisches Beiwerk verstanden, sondern als zentrales Instrument, um Kontrolle, Anpassungsfähigkeit und Transparenz zu stärken. Insgesamt wird aus der Studie deutlich, dass der erfolgreiche und nachhaltige Einsatz von KI weniger an der technischen Verfügbarkeit scheitert als an der systematischen Ausgestaltung von Governance und Souveränität.
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