Ob Funklöcher auf Autobahnen, schwankende Netzqualität zwischen Hochhäusern oder im ICE, in dem Bord-WLAN und Mobilfunk gleichermaßen unzuverlässig sind – die digitale Infrastruktur in Europa bleibt im Alltag oft hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig setzen künstliche Intelligenz, autonomes Fahren und andere datenintensive Anwendungen stabile, latenzarme und ausfallsichere Netze voraus. Vor diesem Hintergrund legt die Europäische Kommission mit dem Entwurf des Digital Networks Act (DNA) einen neuen regulatorischen Rahmen vor. Er soll die Konnektivität als zentrale Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und technologische Souveränität in der EU absichern.
Der DNA soll das Regelwerk des European Electronic Communications Code ersetzen und durch eine direkt anwendbare Verordnung die nationale Fragmentierung überwinden, um einen echten Binnenmarkt für digitale Netze zu schaffen. Wie Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie, betont, beginnt europäische Innovation bei einer wirklich vernetzten Union, in der leistungsstarke und resiliente Infrastrukturen es Start-ups ermöglichen, das volle Potenzial der KI auszuschöpfen.
Hochleistungsnetze als Wegbereiter für den KI-Kontinent
Ein zentraler Pfeiler des DNA ist der beschleunigte Übergang von alten Kupfernetzen zu zukunftssicheren Glasfaser- und 5G- oder 6G-Infrastrukturen bis zum Jahr 2035. Nur diese sind auf die Anforderungen rechenintensiver Technologien wie KI zugeschnitten. Da KI-Anwendungen auf eine extrem niedrige Latenz und eine garantierte Dienstqualität angewiesen sind, soll so auch die Vernetzung von Rechenzentren und die Bereitstellung von Edge-Computing verbessert werden. Die Kommission verfolgt das Ziel mit robusten und sicheren Netzen die Grundlage für Geschäftsinnovationen im KI-Bereich zu bilden. Diese Bestrebung Europa als KI-Kontinent zu etablieren, geht aus dem EU AI Action Plan hervor.
Harmonisierung und Skalierung im digitalen Binnenmarkt
Um Unternehmen die grenzüberschreitende Skalierung von KI-Diensten zu erleichtern, führt der DNA ein vereinfachtes Autorisierungssystem ein, das sogenannte Single-Passport-Verfahren. Anbieter müssen sich künftig nur noch in einem Mitgliedstaat registrieren, um ihre Dienste unionsweit anbieten zu können. Das dürfte für Unternehmen den administrativen Aufwand und die Compliance-Kosten deutlich senken. Diese Harmonisierung sei entscheidend, da die bisherige Zersplitterung europäische Betreiber daran gehindert hat, mit globalen Konkurrenten gleichzuziehen. Der Entwurf fördert zudem eine verstärkte Zusammenarbeit im gesamten digitalen Ökosystem, um Hindernisse für KI-Entwickler und Betreiber abzubauen und Co-Innovations-Frameworks zu unterstützen. Durch die Schaffung einheitlicher Bedingungen für den Zugang zu Frequenzen und Ressourcen soll eine Vorhersehbarkeit geschaffen werden, die insbesondere für langfristige Investitionen in KI-Infrastrukturen unerlässlich ist.
Resilienz und Sicherheit in der KI-Infrastruktur
Angesichts zunehmender hybrider Bedrohungen und Cyberangriffe rückt der DNA auch die Sicherheit und Widerstandsfähigkeit digitaler Netze in den Fokus. Dabei werden auch klare Verknüpfungen zum Cybersecurity Act hergestellt, um ein einheitlich hohes Schutzniveau zu gewährleisten. Darüber hinaus sieht die Verordnung die Erstellung eines EU-Vorsorgeplans für digitale Infrastrukturen vor. Durch eine umfassende Bewertung der Netztopologie auf Unionsebene sollen potenzielle Schwachstellen frühzeitig identifiziert werden. Kritische Sektoren und sensible KI-Datenflüsse sollen gegen Störungen abgesichert werden. Eine strategische Autonomie, insbesondere bei der satellitengestützten Konnektivität, wird daher als Kernvoraussetzung angesehen. Das neu geschaffene Office for Digital Networks (ODN) soll hierbei eine zentrale Koordinierungsrolle übernehmen. Zu den Aufgaben zählen die Sicherstellung einer kohärenten Reaktion auf Krisen und die Überwachung der Durchsetzung von Sicherheitsstandards. Perspektivisch soll dies auch durch den Übergang zu Post-Quanten-Kryptografie und quantenbasierte Sicherheitsmechanismen geschehen.
Schlussfolgerungen für Unternehmen
Für Unternehmen bedeutet der DNA primär eine Reduzierung bürokratischer Hürden und einen verbesserten Zugang zu den modernsten Konnektivitätslösungen, die für die Einführung von KI-Anwendungen notwendig sind. Im Gesundheitssektor soll, wie Henna Virkkunen betont, der Ausbau die Fernbehandlung von Patienten und KI in der Echtzeit-Diagnostik ermöglichen. Für die Industrie und den Transportsektor bietet der DNA durch harmonisierte Regeln für 5G- und 6G-Frequenzen sowie die Förderung von Network Slicing die Basis für automatisierte Fertigungsprozesse und autonomes Fahren. Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) profitieren indirekt. Weniger regulatorische Komplexität und niedrigere Markteintrittsbarrieren ermöglichen es, Ressourcen stärker auf Innovation und Wachstum auszurichten, statt auf Compliance-Aufwand. Der Bundesverband der Verbraucherzentrale sieht zudem laut einem eigen Gutachten durch den DNA auf dem Internet-Zusammenschaltungsmarkt mehr Probleme als Lösungen.
Fazit
Der Digital Networks Act schafft einen wichtigen ordnungspolitischen Rahmen für ein wettbewerbsfähiges Ökosystem und den Ausbau leistungsfähiger digitaler Infrastrukturen und KI-Systemen in Europa. Die Harmonisierung von Regeln, die Vereinfachung von Marktzugängen und der Fokus auf (Daten-)Sicherheit können Investitionen erleichtern und Planbarkeit erhöhen, führen aber nicht kurzfristig zu flächendeckend stabiler Konnektivität. Der Übergang zu Glasfaser- sowie 5G- und 6G-Netzen bleibt ein langfristiges Infrastrukturprojekt, dessen Umsetzung Zeit, Kapital und Koordination erfordert. Die Wirkkraft des DNA wird sich daher weniger in schnellen Verbesserungen zeigen, sondern darin, ob es gelingt, über Jahre hinweg konsistente Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen der notwendige Netzausbau tatsächlich realisiert wird.
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